Wenig ist innerhalb der Piratenpartei so umstritten wie das vor mittlerweile vier Jahren mit großem Bahnhof vorgestellte Abstimmungstool „Liquid Feedback“ (LQFB), das die Piraten seither in Befürworter und Gegner teilt. Beide Position werden dabei nicht selten mit einer Inbrunst vertreten, die fast schon religiöse Dimensionen einnimmt. Eine echte Glaubensfrage also.

Der Streit dreht sich in den meisten Fällen um Fragen der Delegationsmöglichkeiten, die dort geboten werden. Jeder Nutzer kann seine Stimme auf einen anderen Nutzer übertragen, dieser wiederum kann seine eigene Stimme wie auch die ihm übertragenen Stimmen auf andere Nutzer (weiter)delegieren. Dies kann wahlweise für einzelne Abstimmungen, für ganze Themengebiete und sogar generell erfolgen.

Die einzelnen Argumente für und gegen diese Methode sollen hier nicht weiter ausgeführt werden, ein Einstieg findet sich hier.

Spannend ist allerdings, was aus den Abstimmungsergebnissen gemacht wird. So verbreitete am 18. Juli 2014 Christoph Lauer via Twitter:

„Mehrheit im LV Berlin befürwortet die rechtliche Prüfung einer Abspaltung von der Bundespartei“

Er bezog sich dabei auf eine LF-Initiative, nach der der Vorstand des Landesverbandes Berlin aufgefordert wird, umfassend zu eruieren, welche Vorraussetzungen erfüllt sein müssen, um eine möglichst reibungslose Herauslösung des Landesverbandes aus der Piratenpartei Deutschland im laufenden Betrieb zu gewährleisten. Diese war im Liquid Feedback mit 70 Stimmen (65%) angenommen worden. Diesen standen 8 Enthaltungen und 38 Nein-Stimmen entgegen.

Mir als Kritiker der Delegationsmöglichkeiten drängte sich im ersten Schritt nun die Frage auf, wieviele Nutzer denn nun tatsächlich an der Abstimmung teilgenommen haben. Auf meine Nachfrage nach den darin enthaltenen Stimmübertragungen erhielt ich (von dritter Seite, Christopher selbst reagierte leider nicht) die Auskunft: „Stimmgewichtsübertragung 1 x 35 – 1 x 6 – 3 x 3 – 5 x 1 – sonst ohne.“ Soll wohl heißen: Ein Nutzer hat mit 36 Stimmen (35 übertragene + seine eigene) abgestimmt, ein weiterer mit 7 (6 übertragene + seine eigene) , drei mit 4 (3 +1) und fünf mit 2 (1+1) Stimmen.

Man könnte angesichts dessen nun einfach zusammenrechnen und zu dem Ergebnis gelangen, 65 der insgesamt abgegebenen 116 Stimmen gingen de facto auf gerade einmal 10 Nutzer zurück. Das stimmt so aber nicht. Warum? Ja, genau: Warum stimmt das eigentlich nicht?

Das frage ich mich auch. Und nicht nur mich. Eine echte Antwort erhielt ich leider nicht. Stattdessen teilte man mir mit, eine Erklärung machte nur dann Sinn, wenn ich mich von meiner Interpretation von Liquid Democracy verabschieden würde. Ich sähe das alles zu linear und eindimensional, erfuhr ich. Eine Erläuterung per Mail wäre überdies nicht möglich, die könne ich aber gerne bei meinem nächsten Berlinbesuch persönlich erhalten.

Und da steh ich nun, ich armer Tor und bin so klug als wie zuvor…

Was bleibt ist die Frage, warum eine bestimmte Interpretation von Liquid Democracy erforderlich ist, alleine um verstehen zu können, wie viele LF-Nutzer in diesem Fall wie viele Stimmen auf sich vereinen. Und die Erkenntnis, dass Erleuchtung und Verstehen anscheinend auch auf diesem Gebiet nur den Anhängern des wahren Glaubens vorbehalten ist…