Anonymous

23. Februar 2012

Unter der Rubrik „Netzstandpunkte“ stellt politik-digital.de immer wieder Pro- und Contra-Positionen zu Netzthemen vor. Dieses Mal ging es um Anonymous, die „Gruppierung“, die immer wieder vor allem durch das Lahmlegen von Webseiten auf sich und Netzthemen aufmerksam macht. Dazu hatte man mich (durchaus zu meinem eigenen Erstaunen) angefragt, ob ich einen Pro-Standpunkt als Gegenpol zu Dr. Stefan Eisel von der CDU schreiben könnte. Das brachte mich dazu, mir erst einmal selbst klar zu werden, was meine teilweisen Sympathien für die unbekannten Netzaktivisten eigentlich ausmacht. Das Ergebnis gibt es hier und natürlich auch hier:

Anonymous ist keine Gruppe im klassischen Sinn, sie hat keine feste Struktur, keine festen Mitglieder. Anonymous ist ein Phänomen, das zugleich seine eigene Lebensvoraussetzung beschreibt: ein freies, unkontrolliertes und unzensiertes Netz.

Klassische Anonymous-Aktionen richten sich vor allem gegen Institutionen oder Gruppierungen, die versuchen, eine Regulierung und Kontrolle der Datenströme im Netz zu erreichen. Aber auch gegen rechtsradikale Gruppierungen oder Foren von Pädophilen geht Anonymous vor. Mit diesen Aktionen zielt Anonymous vor allem auf Aufmerksamkeit und Transparenz. Zumeist erreichen sie dieses Ziel auch.

Kritiker werfen ihnen regelmäßig vor, letztlich nichts anderes zu sein als kriminelle Hacker, die sich hinter der Anonymität ihrer (virtuellen) Masken verstecken, um Straftaten zu begehen. Verkannt wird dabei allerdings der politische Charakter, der den Aktionen dieser Idee bzw. Bewegung häufig beikommt.

Anonymous ist Protest, eine Art virtuelles Pendant zu den Demonstrationen auf den Straßen unserer Städte. Und ebenso wie diese Demonstrationen etwa den Straßenverkehr behindern, behindert Anonymous mit seinen Aktionen den Datenverkehr: vorübergehend und ohne bleibende Schäden für die Betroffenen.

Bei Straßen-Demonstrationen ist allgemein anerkannt: Je mehr Menschen damit konfrontiert werden, je zentraler und öffentlicher sie stattfinden, umso effektiver sind sie. Nicht trotz, sondern wegen der damit einhergehenden temporären Behinderung für die nicht teilnehmende Umwelt.

Ein DDoS-„Angriff“ auf eine Webseite, die letztlich nur dazu führt, dass diese temporär von außen nicht erreicht werden kann, ist kein Hack, weil nicht in das EDV-System eingegriffen wird. Es ist eine Art virtuelle Sitzblockade, die sich zudem ohne Zutun von Polizei oder sonstigen Ordnungskräften wieder auflöst. Und die zum Ziel hat, Missstände bei dem Betroffenen aufzuzeigen.

Was nicht heißt, Anonymous-Aktionen seien generell gutzuheißen. „Einbrüche“ in Datenbänke mit Veröffentlichung so gewonnener Daten gehen weit über das hinaus, was hingenommen werden kann. Umgekehrt erlauben uns solche Fälle nicht, alle anderen Aktionen zu verurteilen. Vielmehr sollte „Anonymous“ Anlass sein, über die Berechtigung und eventuell auch Regeln eines solchen Protests, solcher digitaler Demonstrationen zu diskutieren. Nicht über deren generelles Verbot. Protest ist Teil und Ausdruck einer vitalen Demokratie. Auch im Netz.

Es würde mich sehr freuen, wenn diese von politik-digital.de angestoßene Diskussion um das Thema breiter geführt würde. Die derzeitige Praxis, das alles mit der Keule des Strafrechts erschlagen zu wollen, wird das Phänomen nicht beenden. Und dem teilweise nachvollziehbaren und berechtigten Begehren der hinter Anonymous stehenden Netzaktivisten nicht gerecht.

Immer größere Teile unseres Lebens finden im Internet statt. Daher verlagert sich auch der auf der Straße überwiegend legale Protest auch dahin. Ihn dort aber nicht anzuerkennen ist unangemessen. Und führt im Ergebnis nur dazu, dass die Intensität nur zunehmen wird. Weil es sich nach der derzeitigen restriktiven Handhabung der Justiz gleich bleibt, ob man lediglich eine Webseite vorübergehend lahmlegt oder gleich in das EDV-System eindringt und Schäden anrichtet. Beides wird aktuell nach der gleichen Norm bestraft.

Auf das sogenannte „Real Life“ übertragen würde man Demonstrationen mit Sitzblockaden deshalb generell verbieten, weil bei anderen Demonstrationen Steine geflogen sind. Das würde indes gerade die Justiz mit Verweis auf Art. 8 Abs. 1 GG nicht zulassen. Was aber unterscheidet eine physische Versammlung vieler Tausend Menschen etwa in der Abflughalle des Flughafens von einer virtuellen Versammlung ebenso vieler Menschen auf der Webseite eines Unternehmens? Ein klassischer DDoS-Angriff, wie er typisch für die Aktionen von Anonymous ist, stellt nichts anderes dar: Möglichst viele Menschen rufen gleichzeitig ein und die selbe Webseite auf. Diese ist dann dem Ansturm nicht gewachsen und blockiert. Wie der Schalter in der Abflughalle, den der Fluggast während der Demonstration nicht erreichen kann.

Wird es nicht langsam Zeit, dass Art. 8 GG auch im Internet Geltung erlangt?

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5 Responses to “Anonymous”

  1. Freiheit für alle Bürger Says:

    Guter Text!

  2. Marco Meyer Says:

    Kann mich dem Vorredner nur anschließen. Einer der wenigen ehrlichen Texte die man über Anonymus im I-net findet. Vielen Dank dafür

  3. Izzy Storm Says:

    Danke für diese objektiven Worte

  4. Andreas Says:

    Wenn für eine automatisierte DDos-Attacke mein Rechner durch Unbekannte mittels Trojaner missbraucht wird, ist das so demokratisch als würde mich die NPD zu einer ihrer Demos als Mitmarschierer entführen dürfen.


  5. […] dem Thema zu weiteren Überlegungen befeuert hat. Diese können in seinem Blog nachgelesen werden: https://emanuelschach.wordpress.com/2012/02/23/anonymous Und hier zwei weitere lesenswerte Beiträge, die sich mit Anonymous auseinandersetzen: […]


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