Heveling und der „Clash of Civilisations“

7. Februar 2012

Nein, keine Bange: Ich werde mich nicht an der virtuellen Hetzjagd auf Herrn Heveling beteiligen. Allerdings bietet mir sein Artikel Anlass, einige dort vertretene Positionen zu hinterfragen. Was Herr Heveling schreibt, ist nämlich – so gerne das vor allem seine CDU/CSU-Parteifreunde mittlerweile so sehen würden – keineswegs nur die Position eines „Hinterbänklers“ mit mangelhaftem Fachwissen.

Tatsächlich werden hier viele Thesen zum Urheberrecht und der Internetregulierung vertreten, die in der breiten Öffentlichkeit auf fruchtbaren Boden fallen. Daher ist es der im ersten Moment bestenfalls amüsant aber unsinnig wirkende Artikel durchaus wert, sich genauer damit zu beschäftigen.

Herr Heveling, Mitglied der Enquetekommission Internet und digitale Gesellschaft, beschreibt dort den „Clash of Civilisations“ zwischen den „digital natives“ und den „realen Menschen“, den er derzeit im Internet wahrnimmt. Nicht weniger als die abendländische Kultur sieht er bedroht durch Bestrebungen mit dem Ziel eines digitalen Totalitarismus. Zugleich prophezeit er der Netzgemeinde, den Krieg zu verlieren, weil das Netz 2.0 am Ende Geschichte sein wird.

Als Rettung definiert er die derzeit höchst umstrittenen amerikanischen Gesetzesvorlagen SOPA und PIPA mit ihren Regulierungsplänen für das Internet. Und begründet dies – ein wie ich finde bemerkenswerter Gedankensprung – mit Freiheitsidealen, insbesondere der Idee des geistigen Eigentums.

„Diese bürgerliche Gesellschaft mit ihren Werten von Freiheit, Demokratie und Eigentum hat sich in mühevoller Arbeit aus den Barrikaden der Französischen Revolution heraus geformt – so entstand der Citoyen. Und genau dort, in den Gassen von Paris im Jahr 1789, wurde die Idee des geistigen Eigentums geboren. Welche Errungenschaft wider die geistige Leibeigenschaft des Ancien Régime! Endlich konnte man – unabhängig von Herkunft und Status – mit seines Geistes Schöpfung wirtschaftlich etwas anfangen. Diese Idee des geistigen Eigentums sollte sich als Motor für Innovation und Entwicklung auf dem europäischen Kontinent erweisen. Eine Idee, deren Bewahrung auch im digitalen Zeitalter lohnt.“

Ersparen wir uns die Kommentierung des hochpathetischen Stils. Hinterfragen wir lieber die historische Darstellung. Die steht nämlich bemerkenswerter Weise nicht so ganz im Einklang mit den aktuellen historischen Erkenntnissen. Danach entstanden die ersten Ansätze zur Idee vom „geistigen Eigentum“ wohl bereits im Spätmittelalter, als erstmals so genannte „Privilegien“ in Form von Druckrechten gewährt wurden. Die Drucker – nicht etwa die Autoren! – erkämpften vom Landesfürsten ein zeitlich beschränktes Nachdruckverbot. Dieses ging dann in der Renaissance nach und nach über in erste Autorenprivilegien, die allerdings nur sehr vereinzelt gewährt wurden. Doch schon damals erwarb meistens der Verleger durch den Kauf des Manuskripts und die Zustimmung des Urhebers zur Erstveröffentlichung ein ewiges Nachdruckrecht. Auch das erste Urhebergesetz, die britische Statute of Anne (1710) orientierte sich hauptsächlich am Schutz des Verlegers.

Das klingt aber wohl zu profan, da fehlt jedweder Pathos, vor allem der Bezug zu einer wie auch immer gearteten „Freiheit“. Vor allem aber passt dies so überhaupt nicht zu der in diesem Zusammenhang immer wieder gerne verbreiteten Mär vom Urheberrecht als Schutzrecht für den Autoren sondern zeigt auf, dass es dabei schon immer um die Bereicherung der Verleger, also der Vertriebsindustrie, ging.

Überhaupt lässt sich der Bezug zur französischen Revolution in diesem Zusammenhang nur schwer nachvollziehen. Zwar begann die Idee von einem immateriellen, „geistigen Eigentum“ in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts Gestalt anzunehmen, doch geht dies wohl vor allem auf Kant und Fichte zurück, die man nun wahrlich nicht in die Gassen von Paris verorten kann.

Offensichtlich wird uns hier also etwas vorgegaukelt.

Einen besonders schönen Ansatz, die fehlende Tiefe dieser Argumentation zu erkennen, bietet dieser Abschnitt:

„Nun haben Wikipedia und Google in den letzten Tagen ihren starken Arm gezeigt. Doch Googles und Wikimedias dieser Welt, lasst euch zurufen: Auch wenn Wikipedia für einen Tag ausgeschaltet ist und Google Zensurbalken trägt, ist das nicht das Ende des Wissens der Menschheit. Welche Hybris! Lasst euch gesagt sein: Das Wissen und vor allem die Weisheit der Welt liegen immer noch in den Köpfen der Menschen. Also, Bürger, geht auf die Barrikaden und zitiert Goethe, die Bibel oder auch Marx. Am besten aus einem gebundenen Buch.“

Wie wir bereits oben gesehen haben, scheint das Wissen und die Weisheit der Welt offensichtlich doch nicht ausschließlich in den Köpfen der Menschen zu liegen. Ganz offen gebe ich zu, dass meine Erkenntnisse zum „geistigen Eigentum“ vor allem der entsprechenden Seite der Wikipedia entstammen. Wobei ich sehr froh bin, dass es diese elektronisch und nicht in Form gebundener Bücher gibt, da ich sonst wohl eigens einen ziemlich großen Bibliotheksraum dafür anbauen müsste. Aber auch Herrn Heveling hätte ein Blick in die „Googles und Wikimedias“ sicher gut getan.

Abgesehen davon wird in dieser Passage besonders deutlich, wie dünn das argumentative Eis ist, auf dem Herr Heveling da tänzelt. So springt bereits ins Auge, dass alle drei Beispiele aus einer Zeit stammen, die den Begriff des geistigen Eigentums, der hier glorifizert wird, entweder nicht kannte oder jedenfalls noch nicht umgesetzt hatte. Was es natürlich leicht macht, diese Quellen zu zitieren. Bei Persönlichkeiten der jüngeren Vergangenheit mag man sich das gut überlegen, will man keinen rechtlichen Ärger mit den Verlagen, den wirtschaftlichen Nutznießern des „geistigen Eigentums“, bekommen.

Spinnen wir statt dessen den Gedanken des Herrn Heveling weiter. Stellen wir uns vor, bereits im ersten nachchristlichen Jahrhundert hätten die Römer  die Rechtsfigur des geistigen Eigentums als „Motor für Innovation und Entwicklung“ bereits besessen. Etwa im Jahr 70 schreibt nach heutiger herrschender Meinung Markus als erster sein Evangelium. Zehn bis zwanzig Jahre später kommen nun auch Matthäus und Lukas auf die Idee, das Leben Christi aufzuzeichnen. Doch kaum haben sie die ersten Exemplare fertiggestellt, flattert ihnen ein Papyrus des in der gesamten damals bekannten Welt berüchtigten Advocaten Waldorfo Frommerius ins Haus, der ihnen bei Androhung empfindlichster Strafen untersagt, ihre Werke weiter zu verbreiten. Schließlich habe sein Mandant, Markus, just diese Geschichte bereits vor zehn Jahren aufgegriffen und in literarisch wertvoller Weise (mit erheblicher schöpferischer Höhe!) niedergeschrieben. Johannes hätte sich weitere 10 Jahre später vermutlich schon die Mühe erspart, auch nur einen Federkiel in die Tinte zu senken. Und ob es tatsächlich Menschen gegeben hätte, die noch bis Mitte des zweiten Jahrhunderts (man beachte die heute geltenden Schutzfristen) die Tantiemen hätten zahlen können, die ein Gottesdienst mit Lesung aus der Schrift des Markus gekostet hätten, mag bezweifelt werden. Schließlich waren die ersten Christen wohl nur zum geringsten Teil in der begüterten römischen Upperclass zu Hause. Hätte in solchen Verhältnissen das Christentum überhaupt entstehen können? Das neue Testament hätte sich vermutlich nicht ausgebreitet.

Wie sich so unsere christlich-abendländische Kultur  hätte entwickeln können? Ein „Dichterfürst“ Goethe? Wohl eher nicht. Der sich im Übrigen selbst auch schon mal gerne bei fremden Quellen mit Ideen versorgt hat. Wer es  nicht glaubt, mag gerne z. B. in der Wikipedia zum Thema Faust nachlesen. Wie übrigens auch die meisten großen Klassiker viele schon existierende Geschichten aufgegriffen haben, was problemlos möglich war, weil die Fiktion des geistigen Eigentums entweder noch gar nicht existierte oder aber noch keinen gesetzlichen Schutz erfahren hatte.

Allenfall Karl Marx könnte von dieser Idee schon gehört haben. Gesetzliche Regelungen dazu gab es, jedenfalls in Deutschland, zu seiner Zeit noch keine. Aber was der zum Thema sagen würde, wenn er sähe, wie tagtäglich tausende von Abmahnungen versandt werden, mit denen multinationale Konzerne die Verletzung des Rechts am geistigen Eigentum behaupten, die ihnen (und nicht etwa den Urhebern!) vermeintliche Milliardenschäden jährlich verursachten? Wie ehemalige Vertriebsgesellschaften, deren Aufgabe es einmal war, Musik- und Filmwerke in den Verkauf zu bringen, heute den Großteil ihres gigantischen Jahresgewinnes mit der Vermarktung der Urheberrechte erzielen?

Und was würde er wohl sagen zu Gesetzen wie SOPA, PIPA und ACTA, die teils recht offen, teils gut versteckt zum Ziel haben, den freien Austausch von Informationen und Wissen über das Internet zu kontrollieren und einzuschränken, um auch in Zukunft mit den geistigen Leistungen anderer noch reicher zu werden?

Und wie das wohl der Citoyen sähe, der doch angeblich gegen die geistige Leibeigenschaft des Ancien Régime gekämpft und die bürgerliche Gesellschaft mit ihren Werten von Freiheit, Demokratie und Eigentum begründet habe? Ob der wirklich für eine „Freiheit“ auf die Straße gegangen, gekämpft hätte und gestorben wäre, die de facto eine Kontrolle des Austausches von Informationen bedeutet? Auf deren Zeit übertragen bedeuten SOPA, PIPA und ACTA nämlich nichts anderes, als die Verpflichtung des Postillon, sämtliche von ihm beförderte Briefe zu lesen, um sicherzustellen, dass auf diesem Weg unter Ausnutzung des Postgeheimnisses keine illegalen Abschriften von Schriftwerken verbreitet werden.

Aber dieser Citoyen ist ja lange tot und kann sich nicht mehr gegen seinen Missbrauch wehren…

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