Norwegen

30. Juli 2011

Seit vergangenem Freitag ist Norwegen in aller Munde. Die unvorstellbare Tat eines politisch Verwirrten hat nach derzeitigem Stand 77 Menschen das Leben gekostet.

Kaum waren die Schüsse verhallt, begannen auch schon die Spekulationen. In den deutschen Medien waren neben den vor Ort anwesenden Journalisten vor allem sog. „Terrorexperten“ gefragt, die uns berichteten, wodurch Norwegen ins Visier von Terroristen geraten sein könnte. Die Beteiligung am „Kampf gegen den Terror“ oder am Einsatz in Libyen waren die meistgenannten Gründe. Dass es sich um einen Akt des Terrors handelte, stand außer Zweifel, solcher islamistischer Prägung wurde als nahezu sicher unterstellt.

Schon in seiner Samstagsausgabe kommentierte auch der Hanauer Anzeiger, unser amtliches Verkündungsorgan, den Vorfall und geißelte die Gefahren des islamistischen Terrors. Ironie des Schicksals: Noch während das Blatt am frühen Samstagmorgen ausgeliefert wurde, verbreiteten sich bereits die ersten Erkenntnisse, dass es sich gerade nicht um einen islamistisch motivierten Täter handelte. Tatsächlich war Anders Breivik das exakte Gegenteil: vermeintlich christlicher Fundamentalist und islamophob.

Fairerweise wird man einräumen müssen, dass der Verdacht einer islamistisch inspirierten Tat wohl für die allermeisten von uns von Anfang an nahe lag. Der missglückte Kommentar des Hanauer Redakteurs ist daher zumindest verständlich.

Aber gerade das ist bedenklich, finde ich. Offensichtlich haben die seit fast 10 Jahren auf uns einprasselnden, immer gleichen Warnungen deutscher Innenminister vor dem vermeintlich in Europa allgegenwärtigen Terrorismus im Namen Allahs deutliche Spuren hinterlassen. Die Assoziation von „Bombe“ zu „islamistischem Terror“ ist bereits fest in unseren Köpfen verankert.

Nun sollte man meinen, dies gäbe Anlass zum Nachdenken. Darüber, inwieweit diese Form der Stigmatisierung wirklich (noch) legitim sein kann. Oder darüber, ob es nicht Zeit wird, damit aufzuhören, ein Klima der Angst zu schüren.

Zumal uns Norwegen jetzt eindrucksvoll zeigt, wie viel souveräner ein Staat mit einem reellen (und nicht nur „drohenden“) Angriff auf die Grundwerte einer liberalen und demokratischen Gesellschaftsordnung umgehen kann. Bis heute spricht dort niemand davon, im Interesse einer ohnehin nur hypthetischen und daher letztlich zweifelhaften „Sicherheit“ diese Wert einzuschränken. Im Gegensatz zur Bundesrepublik erkennen die Menschen in Norwegen, dass man so dem Täter letztlich nur Recht gäbe, ihm also sogar helfen würde, seine kruden Ziele zu verwirklichen. Stattdessen zeigt Norwegen, dass derartige Verbrechen keine Chance auf Erfolg haben, im Gegenteil sogar ein zusätzliches, ausdrückliches Bekenntnis zur multikulturellen Gesellschaft nach sich zieht. Aus Sicht des Täters gehen seine Schüsse – jedenfalls politisch – nach hinten los. So zeigt man potenziellen Nachahmern die Sinnlosigkeit solcher Attentate. Und vermeidet, dass Gleichgesinnte Breivik zum Märtyrer hochstilisieren.

Anders sieht die Sache in Deutschland aus. Hier nutzen einige Politiker den Vorfall, um den Abbau von Freiheit und Bürgerrechten weiter voran zu treiben. Dabei schrecken sie nicht davor zurück, die Toten für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Bereits wenige Stunden nach Bekanntwerden des grausamen Verbrechens haben allen Ernstes die ersten Innenpolitiker auf die angebliche Notwendigkeit der Vorratsdatenspeicherung in der Bundesrepublik hingewiesen. Und natürlich auf die Gefahren des Internets, aus dem diese Tat hervorgegangen sei. Ignorierend, dass es derartige Taten politischer Wirrköpfe zu allen Zeiten gegeben hat, auch lange bevor es das Internet gab. Und ignorierend, dass das Netz allenfalls als Informationsmedium genutzt wurde. So wie früher Bücher, Zeitschriften und Zeitungen. Aber auch diese wurden ja gelegentlich verteufelt und zuweilen auch verbrannt…

Das ist nicht nur lächerlich, das ist auch amoralisch und unanständig: Weil hierfür 77 tote Menschen herhalten müssen, auf deren Kosten hier fragwürdige politische Interessen durchgesetzt werden sollen.

Und es ist zum Fremdschämen.

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