Kann ein Verbot Freiheit schaffen?

11. April 2011

Unser CDU-Bundestagsabgeordneter, Dr. Peter Tauber, hat heute per Twitter verbreitet: „Wäre auch bei uns gut! Burka und Nikab: Vollschleier-Verbot gilt in Frankreich ab sofort…“

Mir hingegen ist bis heute nicht klar, welchen Sinn ein solches Verbot haben soll. Welche Probleme haben wir in der Bundesrepublik mit Frauen, die Burka oder Nikab tragen? Warum, so frage ich, sollte das Verbot auch bei uns gut sein?

Zumeist wird von den Befürwortern ins Feld geführt, diese Kleidung sei Symbol einer Unterdrückung der Frau. Bemerkenswerter Weise sind es aber gerade Frauen, die jetzt in Frankreich gegen das Verbot Sturm laufen. Die also darum kämpfen, auch zukünftig vollverschleiert auf die Straße gehen zu dürfen. Diese Frauen scheinen sich also eher von deren Verbot unterdrückt zu fühlen, als von der Burka selbst. Da frage ich doch mal bewusst provokativ, ob hier nicht versucht wird, in einer Art Gutmenschentum über die Köpfe der Betroffenen hinweg zu entscheiden, was gut für diese ist? Dass wir in der so genannten modernen westlichen Welt einfach besser wissen, was für diese angeblich so armen Frauen wirklich das Beste ist. Ein gesetzlich fixierter Zwang, sich gefälligst an unseren Werten zu orientieren.

Eine vergleichbare Diskussion mit gleicher Argumentation gab es vor einigen Jahren bereits um das Kopftuch. Gemeint war auch damals nur das Kopftuch, das Frauen muslimischen Glaubens trugen. Nicht gemeint war z. B. meine Oma, die das auch regelmäßig getragen hatte, der man aber unterstellte, das freiwillig getan zu haben. Aber haben die Frauen dieser Generation letztlich nicht auch nur das gemacht, was in ihrer Jugend als „schick“ und: ja, auch „schicklich“ galt? Dann ist aber doch der Unterschied nur der, dass die Schicklichkeit bei den einen christiliche,  die der anderen muslimische Wurzeln hat.

Hinzu kommt: Wieviele Frauen tragen in Deutschland eigentlich Burka und Nikab? Selbst in Frankfurt habe ich – jedenfalls bewusst – noch nie eine so gekleidete Frau gesehen, geschweige denn im Main-Kinzig-Kreis, aus dem Herr Tauber stammt. Welchen Bedarf gibt es also zu einer solchen Regelung?

Sollte das unser Verständnis einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung sein? Mit der Freiheit, genau so zu sein, wie es die Mehrheit für richtig hält? Nach meinem Verständnis bedeutet Freiheit aber doch gerade das Recht, anders zu sein. Auch wenn es die Mehrheit nicht versteht.

Mir will scheinen, hinter der Forderung nach dem „Burkaverbot“ steckt wie schon bei der Kopftuchdiskusion in erster Linie die Angst vor diesem „Anderssein“, weil wir nicht wirklich verstehen und nachvollziehen können, dass sich Frauen freiwillig so kleiden. Aber gibt es Vergleichbares nicht auch in unserer christilichen Tradition, für die die Partei des Herrn Tauber sogar mit ihrem guten Namen steht? Mir ist es nämlich ebenso unverständlich und fremd, dass sich Frauen dazu entschließen, Kopftuch und sackartige, farblose Kleider zu tragen, auf jede Form von Äußerlichkeiten zu verzichten, sich teilweise sogar von der Welt und ihrer Familie zurückzuziehen, ihren Namen abzulegen und sich als Verlobte einer metaphyischen Erscheinung zu betrachten. Die, wie es dann so treffend heißt, „den Schleier nehmen“. Und im übrigen auch nie thematisiert wurden, als das Kopftuchverbot zur Diskussion stand.

In den letzten 10 Jahren habe ich eine Reihe von überwiegend türkischen Frauen kennengelernt, die freiwillig Kopftuch tragen und das nicht als Unterdrückung empfinden. Im Gegenteil. Deren Mütter Jeans und T-Shirts sowie die Haare offen tragen. Die teilweise weit selbstbewusster sind, als junge deutsche Frauen, die sich von einer Diät zur nächsten hungern, auch im Winter bauchfrei und auf High-Heels herumlaufen, um ihrem Freund zu gefallen, auch wenn die Füße noch so schmerzen.

Lieber Peter Tauber, solltest Du das hier lesen, würde es mich freuen, wenn Du das als Anregung zum Einstieg in eine Diskussion betrachten würdest. Online oder auch gerne wieder einmal auf unserem Piratenstammtisch.

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6 Responses to “Kann ein Verbot Freiheit schaffen?”

  1. Chris Says:

    Na, da hat jemand das Vermummungsverbot vergessen 😉 Was die Damen so alles unter ihren Klamotten verstecken können… Bombengürtel für ne Armee zum Beispiel…

  2. Peter Tauber Says:

    Hab’s gelesen. Auf dir Diskussion freue ich mich, denn Burkas gibt es auch im MKK. Leider! Die Verharmlosung dieses Symbols der Unfreiheit finde ich ziemlich zum Kotzen – und da von einem Piraten. Erstaunlich. Sie ist nicht ein mobiles Gefängnis der Frau, sondern unterstellt, das in unserer Gesellschaft Frauen vor den Blicken der Männer geschützt werden müßten. Zumindest in Mitteleuropa halte ich das nicht für notwendig. Ich finde Dein Text ist ein gutes Beispiel für das Verwechseln von Toleranz und Beliebigkeit. Ich toleriere niemanden, der durch seine in diesem Falle durch die Kleidung zum Ausdruck gebrachte Haltung entscheidende Grundlagen einer freiheitlichen demokratischen Gesellschaft ablehnt. mehr gerne mal wieder mündlich. Der Bildschirm meines smartphones ist mir jetzt zu klein! 🙂

  3. manolopph Says:

    @Chris:
    Nein, das Vermummungsverbot habe ich nicht vergessen, das gilt afaik nur bei Versammlungen. Und Bombengürtel werden selten unter dem Gesichtsschleier getragen. Um die Möglichkeit zu bekämpfen, müsste eine Pflicht zu hautenger Kleidung eingeführt werden. 😉

  4. manolopph Says:

    @Peter Tauber:
    Die betroffenen Frauen scheinen es ja gerade nicht als Symbol der Unfreiheit zu sehen. Die Diskussion erinnert mich an die Abtreibungsdiskussion, bei der fast nur Männer über die Würde der Frau diskutierten, die da teilweise als Argument ins Feld geführt wurde. Der Vorwurf der Beliebigkeit ist seinerseits wenig überzeugend, vor allem, wenn er mit der generellen Intoleranz einer anderen Religion/Weltanschauung einhergeht. Wobei durch nichts erwiesen ist, dass Burkaträgerinnen die freiheitlich-demokratische Grundordnung ablehnen. Diese Verbindung unbelegt in den Raum zu stellen, erscheint mir wenig reflektiert. Und eben leider doch nur Ausdruck einer Weltanschauung, die die Freiheit des Andersdenkenden nicht anerkennt.

  5. Ingenieur Politik Says:

    nachgelesen am 04./05.12.2014
    Ich denke, es verhält sich wie mit allen Dingen die zwischen der Freiwilligkeit und dem Gezwungen-sein stattfinden. Es gibt sicher Frauen, die tragen die Burka, weil sie das so wollen. Genauso gibt es Frauen, die Tragen die Burka gegen ihren Willen. In unserem freiheitlichen Abendland, indem die Freiheit der einzelnen Person ein hohes Gut ist, sollte sich eine Frau selbst entscheiden dürfen, ob sie die Burka trägt oder nicht. Dies sollte sie unabhängig von Glaubens- oder familiären Zwängen selbst entscheiden können.
    Es gibt aber auch die Aussage, das eine Frau sich in eine Burka zu kleiden hat, damit die Männer, die eine westlich gekleidete Frau sehen, nicht von ihrem Aussehen von der „Lust“ überfallen werden.
    In unserem Kulturkreis haben wir in den letzten 40 Jahren festgestellt, das die Männer u.a. mit einem solchen Verhalten die Frauen in ihrer Freiheit einschränken wollen. Somit ist es unsere Kultur geworden, das sich Frauen kleiden dürfen wie sie wollen. Wenn Ausländer in unsere Kultur integriert werden wollen, müssen sie diese anerkennen. Wir haben mindestens dasselbe Recht auf unsere Kultur, wie die Ausländer in Ihrem Land auf ihre.
    mfg, Thomas

    • manolopph Says:

      Du sprichst zwei Sachen an.

      Die Freiheit, sich zu kleiden, wie man will. Die ist obsolet, wenn wir anfangen, nach Gutdünken Kleidung mit Verboten zu belegen. Darum geht es mir in diesem Blogpost.

      Dass diese Freiheit auch nicht besteht, wenn andererseits gewisse Kleidung zur Pflicht wird, steht daneben völlig außer Zweifel. Das lässt sich allerdings durch Verbot dieser Kleidung auch nicht bekämpfen. Ebenso könnte man den Islam verbieten, weil sich diese Menschen ja darauf – völlig zu Unrecht aber gleichwohl – berufen.

      Zudem führt ein Burkaverbot für die zwangsweise tragenden Frauen doch bestenfalls dazu, dass ihre radikalen Männer und Väter sie einfach nicht mehr aus dem Haus lassen.

      Womit sich zeigt, worum es geht: Die eigenen Ängste der Verbotsforderer. Die betroffenen Frauen sind ihnen letztlich ganz egal.


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